Landkommende Marburg

Ballei Hessen

Erzbistum Mainz

Land: Lgft. Hessen, Lgft. Hessen-Kassel

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I           Geschichte

Die Geschichte der Kommende Marburg des Deutschen Ordens begann mit dem von Elisabeth von Thüringen im Jahr 1228 gegründeten Franziskusspital in Marburg. Nach ihrem Tod am 17. November 1231 bestand das Hospital fort. Bereits 1233 wurde die Ansiedlung des Deutschen Ordens in unmittelbarer Nachbarschaft des Hospitals vorbereitet. Auf Betreiben der Landgrafen Heinrich Raspe und Konrad von Thüringen übertrug Papst Gregor IX. am 1. Juli 1234 das Hospital dem Deutschen Orden. Mit dieser Übertragung erhielt der Orden die Verantwortung für das von Elisabeth gegründete Hospital sowie die mit ihm verbundenen Besitzungen und Rechte. Bereits zuvor hatte König Heinrich VII. dem Deutschen Orden am 3. Juni 1231 die Pfarrei Herborn geschenkt; am 1. Juli 1234 gelangte auch die Marburger Stadtpfarrei an den Orden.

Das Hospital bildete fortan den Kern der Marburger Niederlassung. Es blieb während der gesamten Ordenszeit ein wesentlicher Bestandteil der Kommende. Die päpstliche Überlieferung des 13. Jahrhunderts zeigt, dass Hospital und geistliche Gemeinschaft eine institutionelle Einheit bildeten. Bereits 1234/35 bestanden dort dreizehn Pfründen für Klerikerbrüder. Eine Urkunde Papst Innozenz‘ IV. vom 20. Februar 1244 nennt sieben Priester, zwei Diakone, zwei Subdiakone und zwei Akolythen, die am Hospital der heiligen Elisabeth tätig waren. Damit lässt sich für die Frühzeit eine ungewöhnlich große geistliche Gemeinschaft nachweisen, deren Tätigkeit unmittelbar mit dem Hospital verbunden war.

Neben dem Hospital entwickelte sich rasch der Kult um die heilige Elisabeth. Die zunächst für das Hospital errichtete Kirche war erst 1232 oder 1233 fertiggestellt worden, doch plante man bereits 1234 einen wesentlich größeren Kirchenbau über dem Grab der Heiligen. Nach der Heiligsprechung Elisabeths am 27. Mai 1235 begann die Errichtung der Elisabethkirche. Der Bau schritt rasch voran. Bereits wenige Jahre später konnten die Reliquien Elisabeths in die neue Kirche übertragen werden. Mit der Verehrung Elisabeths entstand ein Wallfahrtszentrum, dessen Organisation, Reliquien und Schrein unter der Aufsicht der Marburger Kommende standen. Zahlreiche Schenkungen und Stiftungen standen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Elisabethkult und der Wallfahrt nach Marburg.

Die geistliche Gemeinschaft der Kommende verfügte über eine außergewöhnlich große Zahl von Priesterstellen. Herzogin Sophia von Brabant stattete 1258 durch die Schenkung der Kirche zu Oberwalgern einen Altar im Elisabethchor aus. Im Jahr 1265 stiftete sie eine weitere Priesterpfründe. Nachdem Pfalzgraf Otto von Bayern 1294 eine zusätzliche Pfründe begründet hatte, erhöhte sich die Zahl der Priesterpfründen bis 1319 auf elf. Die Entwicklung dieser Pfründen zeigt die fortdauernde Förderung der liturgischen Aufgaben an der Elisabethkirche.

An der Spitze der Priesterbrüder stand ein Prior. Papst Innozenz IV. verlieh diesem 1246 besondere Ehrenrechte. Die Quellen lassen erkennen, dass hierzu zunächst zumindest das Tragen der Mitra an hohen Festtagen gehörte. Papst Martin V. erweiterte diese Rechte 1426 ausdrücklich um weitere Pontifikalien, darunter Ring, Stab und andere bischöfliche Ehrenzeichen. Bereits 1375 hatte Kaiser Karl IV. den Prior der Kommende zum Reichskaplan erhoben und ihm als Zeichen dieser Würde einen kostbaren Ring übersandt.

Schon wenige Jahre nach ihrer Gründung wurde die Marburger Niederlassung zu einem Verwaltungszentrum des Ordens. In Marburg fanden 1236 und 1237 Generalkapitel des Deutschen Ordens statt. In diese Zeit fiel die Eingliederung des Schwertbrüderordens in den Deutschen Orden, die auf den Versammlungen behandelt wurde.

Mit der Ausbildung der Ballei Hessen wurde der Komtur von Marburg zugleich Landkomtur der Ballei Hessen. Die Marburger Kommende wurde dadurch zur Landkommende. Von Marburg aus erfolgte die Verwaltung der der Ballei zugehörigen Ordenshäuser und Besitzungen. Mit der Ausbildung der Ballei wurden der Marburger Kommende nach und nach weitere Ordenshäuser unterstellt. Nach 1251 gehörte hierzu Flörsheim, 1258 Ober-Möllrich, um 1284 Griefstedt und Erfurt, 1287 Wetzlar sowie 1310 Reichenbach. Die Funktion als Sitz des Landkomturs behielt die Marburger Kommende bis zu ihrer Aufhebung im Jahr 1809.

Parallel hierzu wuchs der Besitz der Kommende kontinuierlich. Schenkungen, Käufe, Tauschgeschäfte und Stiftungen führten zur Ausbildung eines weit verzweigten Besitzkomplexes. Die Quellen nennen Höfe, Äcker, Wiesen, Wälder, Weinberge, Mühlen, Renten, Zehntrechte, Patronatsrechte sowie Dorf- und Gerichtsherrschaften. Die Güter lagen nicht nur im unmittelbaren Raum Marburgs, sondern verteilten sich über weite Teile Hessens und Thüringens. Zahlreiche Schenkungen standen dabei in direktem Zusammenhang mit der Verehrung der heiligen Elisabeth und der Wallfahrt zu ihrem Grab.

Bereits im 14. Jahrhundert verfügte die Kommende über eine ausgeprägte Schriftverwaltung. Aus dieser Zeit sind unter anderem ein Registrum curiarum von 1358, ein Pachtregister von 1364 sowie weitere Verwaltungs- und Rechnungsaufzeichnungen bekannt. Diese Quellen belegen die systematische Erfassung von Höfen, Renten, Pachtverhältnissen und Einkünften. Die Bewirtschaftung der umfangreichen Besitzungen beruhte damit spätestens seit dem 14. Jahrhundert auf einer kontinuierlichen schriftlichen Verwaltung.

Im Verlauf des Mittelalters entstand um die Elisabethkirche ein geschlossener Ordensbezirk. Dieser umfasste weit mehr als Kirche und Hospital. Zum Komplex gehörten die Wohngebäude der Ordensbrüder, Verwaltungsräume, Wirtschaftsgebäude, Speicher, Stallungen, Gästeunterkünfte sowie weitere Funktionsbauten. Die heute noch erhaltene Bausubstanz geht auf mehrere Bauphasen vom 13. bis zum 18. Jahrhundert zurück. Archäologische und bauhistorische Untersuchungen haben gezeigt, dass sich der Komplex über Jahrhunderte kontinuierlich entwickelte und erweitert wurde.

Zur Kommende gehörte auch eine Bibliothek. Zwar ist kein vollständiger mittelalterlicher Katalog erhalten geblieben, doch belegen die Quellen das Vorhandensein liturgischer Handschriften, theologischer Werke und rechtlicher Literatur. Die Bibliothek gehörte damit zu den festen Einrichtungen der Niederlassung.

Die Größe des Konvents blieb über lange Zeit bemerkenswert konstant. Für das Jahr 1287 sind zehn Ritterbrüder und sieben Priesterbrüder belegt. Im Jahr 1451 bestand die Gemeinschaft aus zwölf Ritterbrüdern und elf Priesterbrüdern. Während der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts bewegte sich die Zahl der Ordensbrüder gewöhnlich zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Personen.

Das Hospital blieb während des gesamten Mittelalters Bestandteil der Kommende. Im 15. Jahrhundert kam es allerdings zu Spannungen mit der Stadt Marburg. Der Magistrat beklagte, dass die Einrichtung deutlich weniger Kranke aufnehme, als ihre räumlichen Möglichkeiten zuließen. Nach den Angaben der Stadt beherbergte das Hospital lediglich zwölf bis fünfzehn Kranke, obwohl Platz für weit mehr Personen vorhanden gewesen sei. Außerdem seien unter den Insassen Ordensangehörige und Pfründner gewesen. Die Stadt warf der Kommende vor, die Einkünfte des Hospitals nicht vollständig für dessen eigentlichen Zweck zu verwenden.

Im Spätmittelalter weitete die Kommende ihre wirtschaftliche Stellung weiter aus. Bis 1496 gelangten sämtliche Mühlen der Stadt Marburg in ihren Besitz. Daneben bezog sie Einkünfte aus ihren Grundherrschaften, Patronatsrechten und inkorporierten Pfarreien. Zu ihrem Besitz gehörte auch die Pfarrkirche St. Nikolaus in Erfurt.

Das 16. Jahrhundert brachte tiefgreifende Veränderungen. Ein entscheidender Einschnitt erfolgte 1539, als Landgraf Philipp von Hessen die Gebeine der heiligen Elisabeth aus der Elisabethkirche entfernen ließ. Mit der Entfernung der Reliquien endete die mittelalterliche Wallfahrtstradition, die seit dem 13. Jahrhundert eng mit der Geschichte der Kommende verbunden gewesen war. Gleichzeitig wurde der katholische Gottesdienst in der Elisabethkirche beendet.

Die Lage verschärfte sich weiter, als die landgräfliche Regierung 1543 die Säkularisation der Kommende einleitete. Der Besitz der Niederlassung wurde inventarisiert und die Übernahme ihrer Güter vorbereitet. Die Maßnahme betraf nicht nur die Gebäude in Marburg selbst, sondern auch die zahlreichen Wirtschaftshöfe und Besitzungen. Zu dieser Zeit war die Gemeinschaft bereits erheblich geschrumpft. Während im 15. Jahrhundert gewöhnlich zwanzig bis fünfundzwanzig Ordensbrüder in Marburg gelebt hatten, werden 1543 nur noch sechs Ordensmitglieder genannt.

Die Aufhebung erwies sich jedoch nicht als dauerhaft. Aufgrund der reichsrechtlichen Stellung des Deutschen Ordens wurde die Kommende 1545 wiederhergestellt und erhielt ihre Besitzungen zurück. Dennoch kehrte sie nicht vollständig in ihre frühere Stellung zurück. Einzelne Rechte und Einkünfte gingen dauerhaft verloren, darunter das Besetzungsrecht der Marburger Pfarrstelle.

Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts veränderte sich auch die Nutzung der Elisabethkirche grundlegend. Der evangelische Gottesdienst setzte sich schrittweise durch und war spätestens 1552 endgültig eingeführt. Die Kirche blieb zwar Teil des Ordensbezirks, wurde nun jedoch evangelisch genutzt.

In den Jahren 1584 und 1586 wurde ein erheblicher Teil des Kirchenschatzes nach Mergentheim verbracht. Dennoch blieb die Kommende bestehen und verwaltete weiterhin ihre Besitzungen, Einkünfte und Patronatsrechte.

Über das 17. Jahrhundert sind weniger einschneidende Ereignisse überliefert. Die Kommende setzte ihre Verwaltungstätigkeit fort, bewirtschaftete ihre Güter, zog ihre Renten und Zehnten ein, unterhielt ihre Wirtschaftsgebäude und verwaltete ihre Herrschaftsrechte.

Auch das 18. Jahrhundert war vor allem von Verwaltung, Besitzbewirtschaftung und Bauunterhalt geprägt. Die Gebäude des Ordensbezirks wurden weiterhin instand gehalten und teilweise umgebaut. Besonders das Hospital erfuhr nach schweren Sturmschäden im Jahr 1727 umfassende bauliche Veränderungen. Dabei wurde die mittelalterliche Hospitalhalle umgestaltet; hohe gotische Fenster wurden teilweise vermauert und durch neue Öffnungen ersetzt. Das Hospital blieb jedoch weiterhin Bestandteil der Kommende und erfüllte seine Funktion bis zum Ende der Ordensherrschaft.

Gegen Ende des Jahrhunderts zeigte die Niederlassung weiterhin ihre Handlungsfähigkeit. Im Jahr 1788 wurde die Feier katholischer Gottesdienste in Marburg wieder zugelassen. Das Hospital diente in den folgenden Jahren zeitweise als Gottesdienstort der katholischen Gemeinde.

Bis zu ihrer Aufhebung blieben die Besitzungen, Herrschaftsrechte, Patronate und inkorporierten Pfarreien der wirtschaftliche Unterbau der Kommende.

Mit der Säkularisation des Deutschen Ordens in den Rheinbundstaaten endete 1809 die Geschichte der Kommende Marburg. Ihre Güter wurden eingezogen, ihre Rechte aufgehoben und die Niederlassung aufgelöst.

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Anhang: Pfarreien Wiesbaden (1215); Herborn (1231); Felsberg (1247); St. Marien in Marburg (1234); Günstedt (1234); Seelheim (1239/40); Wehrda (1250); Oberflörsheim (1251); Oberwalgern (1258); Goßfelden (1273); St. Nikolaus in Erfurt (1289/90); Anzefahr; Ginseldorf; Hassenhausen; Oberwetz (vgl. 700 Jahre Elisabethkirche in Marburg, Katalog 5: Der Deutsche Orden in Hessen, Marburg 1983)

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II           Prioren

Ulrich von Walldurn (erw. 1236)

Heinrich von Burbach (erw. 1252)

Martin von Olßfeldt (v. 1488)

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– Quellen und Literatur –

700 Jahre Elisabethkirche in Marburg 1283-1983, Katalog 5: Der Deutsche Orden in Hessen

Biskup, Marian: Visitationen im Deutschen Orden im Mittelalter. Teil I, Marburg 2002

Braasch-Schwersmann, Ursula: „Deutschordenshaus Marburg“, in: Klöster, Stifte und Orden in Hessen. Marburg 2008

Boockmann, Hartmut: Der Deutsche Orden. Zwölf Kapitel aus seiner Geschichte. München 1981

Forstreuter, Kurt: Der Deutsche Orden am Mittelmeer, Bad Godesberg 1967

Huck, Agnes: Kirche und Pfarrei Reichenbach in schriftlichen Zeugnissen, in: Reichenbach 1207-2007. Kloster- und Deutschordenskirche., Kassel 2007

Laupichler, Fritz: Der Deutsche Orden in Marburg (1234–1809). Geschichte der Kommende Marburg. Marburg 2023

Matheus, Michael: Funktions und Strukturwandelspätmittelalterlicher Hospitäler im europäischen Vergleich, Stuttgart 1999

Meschede, Karl: Das Deutsche Haus in Marburg. Baugeschichte und Entwicklung des Ordensbezirks. Marburg 1988

Sommerlad, Bernhard: Der Deutsche Orden in Thüringen, Halle 1931

Werner, Matthias: Die Heilige Elisabeth und die Anfänge des Deutschen Ordens in Marburg, in: Sankt Elisabeth. Fürstin, Dienerin, Heilige., Sigmaringen 1981

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